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Warum ich den „KI-Werkzeugkasten für Sachverständige“ geschrieben habe

02. September 2026 · admin

Künstliche Intelligenz ist eine bemerkenswerte Assistentin. Sie arbeitet schnell, wird nicht müde und beschwert sich auch bei mehreren hundert Seiten Aktenmaterial nicht. Gelegentlich erfindet sie allerdings eine fehlende Information, formuliert diese ausgesprochen überzeugend und tut so, als wäre nichts gewesen.

Für die Sachverständigenarbeit ist das eine eher ungünstige Charaktereigenschaft.

Ein Gutachten lebt schließlich nicht davon, dass es flüssig klingt. Es muss auf nachvollziehbaren Feststellungen, geprüften Quellen und fachlich begründeten Schlussfolgerungen beruhen. Dafür trägt nicht die Software die Verantwortung, sondern der Sachverständige. Die KI wird im Gerichtssaal auch kaum hilfreich die Hand heben und erklären, dass der Fehler eigentlich von ihr stammt.

Wie alles begann

Als gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger für Kommunikations- und Informationstechnologien arbeite ich seit vielen Jahren mit umfangreichen Unterlagen und komplexen technischen Sachverhalten. Dabei begegnen mir digitale Spuren, Systemprotokolle, Screenshots, E-Mails, Verträge und Zeitangaben, die nur selten freiwillig in einer übersichtlichen Reihenfolge vorliegen.

Manchmal besteht die erste Herausforderung darin, überhaupt herauszufinden, welche Dokumente vorhanden sind. Danach beginnt die Suche nach fehlenden Beilagen, widersprüchlichen Angaben und unterschiedlichen Versionen. Erst dann kommt die eigentliche fachliche Arbeit.

Als leistungsfähige KI-Systeme verfügbar wurden, lag der Gedanke nahe, sie für solche Vorarbeiten einzusetzen. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend. Lange Dokumente ließen sich rasch strukturieren, Unterschiede wurden sichtbar und aus unübersichtlichem Material entstanden brauchbare Tabellen.

Dann zeigte sich die andere Seite. KI kann fehlende Zusammenhänge mit erstaunlichem Selbstvertrauen ergänzen. Sie kann aus einer technischen Zuordnung zu einem Benutzerkonto plötzlich die vermeintlich eindeutige Handlung einer natürlichen Person machen. Und wenn eine Quelle fehlt, klingt die Antwort manchmal trotzdem so, als hätte sie persönlich im Archiv nachgesehen.

Spätestens an diesem Punkt war klar: Ein guter Prompt allein reicht nicht.

Der Auslöser für das Buch

Ich wollte verstehen, wie KI in der Sachverständigenarbeit so eingesetzt werden kann, dass sie tatsächlich hilft und dabei kontrollierbar bleibt.

Welche Unterlagen wurden verarbeitet? Woher stammt eine Aussage? Was hat das System lediglich zusammengefasst? Welche Schlussfolgerung wurde aus den Daten abgeleitet? Wo hat die KI möglicherweise etwas ergänzt, das in den Quellen gar nicht vorkommt?

Diese Fragen führten zum „KI-Werkzeugkasten für Sachverständige“.

Der Titel ist bewusst praktisch gewählt. Das Buch soll kein philosophischer Streifzug durch die Geschichte der künstlichen Intelligenz sein. Es soll auf dem Schreibtisch liegen, benutzt werden und im besten Fall einige bunte Haftnotizen bekommen. Wer einen umfangreichen Akt strukturieren, Dokumente vergleichen oder eine Chronologie vorbereiten möchte, soll darin eine passende Arbeitsweise finden.

Deshalb enthält das Buch nicht nur Erläuterungen, sondern auch Arbeitsblätter, Prüflisten und konkrete Prompts. Die KI bekommt damit einen klaren Auftrag. Sie soll beispielsweise Angaben ordnen, Fundstellen nennen und Lücken markieren. Was sie nicht tun soll, wird ebenso deutlich festgelegt.

Das klingt vielleicht streng. Erfahrungsgemäß kommen aber auch menschliche Mitarbeiter mit einem klaren Auftrag besser zurecht. Bei KI gilt das erst recht.

Kein reines IT-Buch

Mein fachlicher Schwerpunkt liegt in der Informationstechnologie und der IT-Forensik. Die Grundprobleme beim Einsatz von KI sind jedoch in vielen Sachverständigenbereichen erstaunlich ähnlich.

In der Elektrotechnik muss ein Messwert eindeutig einer Messstelle, einem Gerät und den jeweiligen Randbedingungen zugeordnet werden. Eine Zahl ohne Einheit ist dort ungefähr so hilfreich wie eine Wegbeschreibung mit dem Hinweis „irgendwo links“.

Im Maschinenbau müssen Auslieferungszustand, spätere Umbauten und Zustand zum Ereigniszeitpunkt auseinandergehalten werden. Bei Kfz- und Verkehrsuntersuchungen dürfen Fahrzeugdaten, Spuren, Fotos und Annahmen zum Bewegungsablauf nicht in einen gemeinsamen Topf geworfen werden. Auch dann nicht, wenn die KI daraus eine sehr elegante Unfallgeschichte formuliert.

Bei einer Unternehmensbewertung kann ein Rechenmodell mathematisch korrekt sein und trotzdem auf wenig belastbaren Annahmen beruhen. Ein Tabellenblatt wird nicht dadurch wahr, dass es zwölf Nachkommastellen ausgibt. Ähnliches gilt für die Immobilienbewertung: Die KI kann Flächenangaben vergleichen, aber sie sollte weder einen fehlenden Grundbuchsauszug fantasievoll ergänzen noch vom Schreibtisch aus verdeckte Baumängel erkennen.

Das Buch enthält daher Praxisfälle aus IT-Forensik, Bauwesen, Elektrotechnik, Maschinenbau, Kfz und Verkehr, Unternehmensbewertung und Immobilienbewertung. Die Beispiele unterscheiden sich fachlich, folgen aber derselben Regel: Die KI darf vorbereiten. Befund, Bewertung und Verantwortung bleiben beim Sachverständigen.

Warum mir das Thema persönlich wichtig ist

In das Buch sind meine langjährige Tätigkeit als Sachverständiger und meine berufliche Erfahrung mit künstlicher Intelligenz eingeflossen. Mein Hintergrund in Softwareentwicklung, IT-Betrieb, Informationssicherheit, Digitalisierung und öffentlicher Verwaltung hat meine Sicht auf das Thema zusätzlich geprägt.

Ich halte KI für ein sehr nützliches Werkzeug. Sie kann Arbeit beschleunigen, Strukturen sichtbar machen und auf Auffälligkeiten hinweisen. Sie kann einem aber ebenso schnell eine falsche Sicherheit vermitteln.

Besonders kritisch wird es, wenn Ergebnisse übernommen werden, weil sie gut formuliert sind. Eine selbstbewusste Antwort ist noch kein Beweis. Ein sauberer Absatz ersetzt keine Fundstelle. Und eine automatisch erzeugte Tabelle erspart nicht die Kontrolle, ob die Daten überhaupt zusammengehören.

Zur Sachverständigenarbeit gehört die Bereitschaft, auch bei einer scheinbar eindeutigen Antwort noch einmal nachzusehen. Welche Quelle belegt die Aussage? Welche Annahmen wurden verwendet? Welche Alternative wurde geprüft? Wo endet der gesicherte Befund?

KI kann dabei unterstützen. Sie nimmt uns aber weder die fachliche Prüfung noch die persönliche Verantwortung ab. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Ein Roboter mit Warnweste bei der Befundaufnahme wäre zwar ein schönes Fotomotiv, würde aber vermutlich mehr Fragen aufwerfen als beantworten.

Genau aus diesem Spannungsfeld ist mein Praxisbuch entstanden: aus echter Begeisterung für die Möglichkeiten der KI und einem ebenso echten beruflichen Misstrauen gegenüber Ergebnissen, die zu bequem erscheinen.

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Mag. Christian Inzko
Mag. Christian Inzko
Gerichtlich beeideter & zertifizierter Sachverständiger für Informatik